Zweikämpfe

Richtiges Erkennen und Entscheiden von Zweikampfverhalten im Strafraum, in Strafraum- nähe sowie bei der Balleroberung bilden ein Grundproblem im deutschen Rollhockeyspiel. Trotz aller Erfahrung und Ausbildungsbemühen gelingt es den Unparteiischen allem Anschein nach häufig nicht, die zahlreich in den Spielen ablaufenden Handlungsmuster im Zweikampfverhalten mit und ohne Ball in den jeweiligen Räumen frühzeitig zu erkennen, zu beobachten und folgerichtige Entscheidungen zu treffen, die mit dem Regelwerk in Einklang stehen.

Trainer, Vereinsfunktionäre und Fans beurteilen derartige Situationen grundsätzlich aus ihrem eigenen Blickwinkel. Ihr Interesse ist primär auf den Erfolg des eigenen Teams ausgerichtet. In ihrer Spielanalyse ist nur wenig Raum für eine objektive, unparteiische Bewertung der zu entscheidenden Spielsituationen. Diesen allzu menschlichen Faktor muss in jeder Sportart ertragen lernen, wer das Amt des Schiedsrichters ausüben möchte. Warum sollte dies im Rollhockey anders sein?

Ist die Beobachtung des Spielgeschehens in diesen vergleichsweise kleinen Bereichen des Spielfeldes aber wirklich so schwierig? Liegt es vielleicht an der Aufteilung der Beobachtungs- bereiche der beiden HSR, dass sie manche Spielgeschehen und deren Aktionsabläufe fehlinterpretieren?

Es scheint – über eine Saison betrachtet – nicht so zu sein. Seit der Einführung des aktuellen Regelwerks haben sich die Spielweisen der jeweiligen Mannschaften nach und nach ver- ändert. Gefährliche Aktionen, in denen die Spieler die körperliche Unversehrtheit ihrer Gegner eher weniger beachtet haben, sind überwiegend auf dem Rückzug. Darum geht es eigentlich auch nicht. Vielmehr stehen jetzt versteckte Handlungen im Vordergrund, die – rasch und effektiv angewendet – den Gegner in eine ungünstigere Position zum Ball bringen.

Alle Beteiligten haben sich in der Vergangenheit daran ge- wöhnt, dass die SR „Schieben, Drücken und Festhalten“ in Tornähe praktisch nie geahn- det haben. Die Spieler folgen den Anweisungen der Trainer, wie z.B.: „Versuche alles auszunutzen, was dir die SR erlauben!“ Oder: „Sorge vor dem TW für ständige Unordnung, dass der TW gezielte Schüsse aufs Tor so spät wie möglich erst erkennen kann! Verwerte dann den Abpraller!“

Die SR schauen zwar zu den beiden „Raufbrüdern“, scheuen aber allem Anschein nach einen erforderlichen Penalty und verschließen lieber die Augen, bevor sie eine unpopuläre Entscheidung treffen. Dabei ist je nach Ausprägung der Aktionen auch eine Entscheidung gegen den Angreifer möglich. Die aktuelle Regelfassung reicht schon aus, um derartige Aktionen zu unterbinden. Manchmal genügt sogar schon ein kurzer Hinweis wie „Hey!“ oder auch „Lass das sein da.“. Solche Ansagen der SR können oftmals Wunder bewirken. Beide Spieler wissen nämlich, dass sie jetzt unter besonderer Beobachtung stehen. Der mäßigende Einfluss auf die Spieler muss nur deutlich und konsequent genug vorgebracht werden, damit sie weitere Eskalationsstufen im Spielverlauf gar nicht erst erreichen können.

Körperkontakt gehört zu einem guten Rollhockeyspiel einfach dazu. Andauerndes oder fortgesetztes Gerangel um Ball oder Positionen wirkt aber letztlich auf beide Teams und ihre Anhänger ermüdend und lästig. Sowohl Angreifer (spekuliert auf Penalty) als auch Abwehrspieler (erwartet einen ind. Freistoß) zerren an der Geduld des Unparteiischen. Wie auch immer er sich entscheidet – die andere Seite wird nicht einverstanden sein. Die Frage ist dann nur, wie man damit umgeht. Die einen nehmen es sportlich, die anderen beginnen gegen den SR zu spielen – und verlieren dann meistens das Spiel. Der Schuldige ist schnell gefunden – häufig zu Unrecht.

Bewerten von Abwehrverhalten

Zentrale Aufgabe von Abwehrspielern ist es, zu verhindern, dass der Gegner einen Treffer erzielt. Erfahrene Abwehrspieler erreichen dieses Ziel durch ein gutes Positionsspiel zwischen dem Gegenspieler, der den Ball führt, und dem eigenen T orgehäuse. Durch geschicktes Verstellen der Schusswege erschweren sie dem Angreifer einen erfolg- reichen Torabschluss. So weit, so gut.

Das taktische Rollhockey ist jedoch inzwischen so komplex geworden, dass es für die HSR zunehmend schwieriger wird, bei den jeweiligen Spielanlagen den Überblick zu behalten. Schließlich soll der erfolgreiche Torabschluss ja die Krönung eines cleveren Spielzuges sein. Er steht somit am Ende einer Auslösehandlung. Für den Abwehrspieler bedeutet dies, möglichst schon die Ballabgabe zum späteren Schützen zu unterbinden. Die HSR unterliegen dabei einem permanenten Aufmerksamkeitsdruck, da der Abwehrspieler jederzeit von seinen legalen Mitteln zu einer regelwidrigen Handlung wechseln könnte, um den Ball zu erobern. Diesen Zeitpunkt darf der für diese spezielle Situation verantwortliche HSR nicht verpassen, will er gerecht entscheiden. Die Spieler haben ja bekanntlich nie etwas Regelwidriges gemacht. (schmunzel, schmunzel)

Und schließlich haben es die HSR ja nicht nur mit einem “Pärchen” zu tun, sondern bei dem Spielsystem Manndeckung gleich mit vieren. Seine beiden Augen kann ein SR jedoch nur auf einen Aktionsraum ausrichten. Der weitere Bereich unterliegt dem periphären Sehen. Gute und erfahrene SR sind in der Lage, Regelwidrigkeiten von Spielern frühzeitig voraus- zuahnen – zu antizipieren. Sie sind dann quasi darauf vorbereitet, wenn sie geschehen, und zeigen sich weniger überrascht.

Beurteilungskriterien im Verhalten dem Gegenspieler gegenüber sind dabei:

  • Position des Abwehrspielers (frontal, seitlich, von hinten), während er die Regelwidrigkeit begeht.
  • Körperteil (geschützt, ungeschützt, Oberkörper, Extremitäten), auf den die Regelwidrigkeit zielt.
  • Intensität der Regelwidrigkeit (Bewegungs- dynamik, Laufgeschwindigkeit, Härte des Körpereinsatzes).

Auswirkung, die die Regelwidrigkeit auf den Gegenspieler hat (z.B. Verlust der Körper- kontrolle, des Gleichgewichts oder des Vor- wärtskommens, Ballverlust).

Je nach Ausprägung der Regelwidrigkeit können die HSR die für die jeweilige Aktion geeignete Disziplinarmaßnahme ergreifen (TF mit oder ohne Ermahnung, BK, RK sowie in Abhängigkeit zum Ort der Aktion: ind. FS, dir. FS, PEN).

Läuft jedoch ein Abwehrspieler rechtzeitig in eine Position, um den Gegenspieler an einem Torschuss zu hindern, und zwingt er den Gegen- spieler dadurch zu einem T orschuss aus schlechtem Winkel oder zu einem fehlerhaften Abspiel, dann ist dies das Ergebnis einer regelkonformen Abwehraktion. Der Experte spricht hierbei von geschickter Raumaufteilung oder von Ablaufen des Gegners. Ziel ist es, den Angreifer dazu zu bringen, die “gefährliche Zone” zu verlassen – also möglichst weg vom Tor zu agieren.

Die Angreifer ihrerseits versuchen oftmals durch Herstellen von Körperkontakt den SR zu einer anderen Entscheidungsfindung zu verleiten. Abgesehen davon, dass ein Abwehrspieler regeltechnisch gesehen einen Angreifer gar nicht blocken kann (er kann nur einen Raum einnehmen und dadurch im Weg stehen), ist bei derartigen Versuchen jedoch stets klar: die Regelwidrigkeit geht vom Angreifer aus.

Und wenn der SR dies so wahrnimmt und folgerichtig entscheidet, dann müssen der Spie- ler oder sein Trainer nicht noch theatralisch re- klamieren. Im Gegenteil: Sie machen es nur noch schlimmer. Schließlich gibt Art. 26 Ziffer 1.2 der Spielregeln den HSRn die Möglichkeit zu weiteren Bestrafungen (z.B. BK nach “öffentlich mit den Entscheidungen der SR nicht einverstanden sein (heftiges Reklamieren, demonstratives Kopfschütteln)”. In solchen Situationen nach dem Fingerspitzengefühl der SR zu rufen, zeugt von geringem Verständnis für die entsprechende Spielaktion. Die SR sind dabei eigentlich recht gefühllos.

Ähnlich verhält es sich beim Blocken gegen Abwehrspieler. Der Angreifer stellt einen regelgerechten Block und der Abwehrspieler läuft auf den Blocker auf. Er will dabei zweierlei:

  1. Der Angreifer soll in seiner Aktion gestört werden und den Ball möglichst verlieren.
  2. Der SR soll verleitet werden, wegen des Körperkontaktes auf “Falschen Block” des Angreifers zu entscheiden mit TF gegen den Angreifer und ind. FS für den Abwehrspieler.

Klar ist jedoch in diesem Fall: die Regelwidrigkeit geht vom Abwehrspieler aus. Die HSR müssen also schon sehr genau hinsehen und feststellen, wer den Körperkontakt herstellt, und ob der Gegner dadurch einen entscheidenden Nachteil hat.

Welche Lösungsansätze bieten sich??

In solchen Situationen müssen die HSR eines Spiels das Bewegungsverhalten nicht nur des Abwehrspielers, sondern auch das des Angreifers sehr genau beobachten. Klare Botschaften an beide Spieler können die Spielleitung sehr erleichtern. Dazu gehören:

  • Klare und einheitliche Kriterien.
  • Deutliche Informationen und – falls erforderlich –kurze Erläuterung von Entscheidungen an beide Teams.
  • Kosequente Kontrolle derartiger Aktionen von Beginn des Spiels an.
  • Präventive Maßnahmen wie Ermahnungen oder verbale Hinweise ohne Spielunterbrechung (Lass das sein da.”; “Nimm die Hand weg.”; “Wer aufläuft hat Schuld.” etc.)
  • Keine Toleranz – den Spielern muss immer klar sein, wen der SR als regelwidrig handelnd wahrgenommen hat.
  • Schnelle Entscheidungen und – falls nötig – auch Bestrafungen.
  • Berechenbarkeit der HSR des Spiels von dessen Beginn bis zum Ende.
  • Teamarbeit; Konzentration/Fokussierung beider HSR auf die Problematik.

Oder zusammengefasst: Eine klare und erkenn- bare Linie der HSR, dicht am Regelwerk.

Allerdings dürfen wir dabei auch nicht vergessen: Wenngleich die SR nicht diejenigen Personen sind, die Fouls begehen, oder dafür verantwortlich sind, wenn andere Akteure Fouls begehen, begleitet sie dennoch als ständige Aufgabe während des gesamten Spiels, die Gesundheit der Akteure im Blick zu haben. Ihre diesbezüglich richtigen Entscheidungen können das Image des Rollhockey verbessern.

Ein Beitrag der Schiedsrichterkommission Rollhockey